Dateiformatfrage für OER: x(+PDF) oder HTML5(+x)?

Jöran Muuß-Merholz hat auf Twitter gerade eine interessante (Mini-)Diskussion ins Rollen gebracht: Ist PDF das Fax des Digitalen? Kann man damit irgendwie produktiv arbeiten?

Ich habe dies kurz auf das Themenfeld Open Educational Resources gelenkt:
https://twitter.com/m_andrasch/status/660381658194026496
Jöran skizzierte den derzeitigen Weg im Kontext OER so:

Das editierbare Format ist dann im besten Fall ein Open Text Document o.ä., im schlimmsten Fall eine InDesign/Photoshop-Datei oder ein anderes nicht-offenes Dateiformat. Insofern wäre die Gleichung also:

OER = unbestimmtes, editierbares Format (+ PDF)

Das Problem: Man hat keine Ahnung, in welchem Format der nächste Inhalt erstellt und publiziert wird und ob man selbst die Tools und Skills hat, das Material zu bearbeiten. Doch bietet nicht das HTML5-Format eigentlich die besten Vorraussetzung, um Inhalte zum einen zu publizieren und zum anderen remixbar/editierbar zu machen? Wäre die Gleichung so nicht sinnvoller und voraussehbarer in den meisten Fällen?

OER = HTML5 (+ unbestimmte Formate der Wahl)

Ein kurzes, unvollständiges  (und womöglich zu technisches) Plädoyer – Vorsicht, unscharfe Begriffsverwendung!

HTML5 als Quasi-Standard für OER-Veröffentlichungen?

Die Fixiertheit und Darstellung

Ohne Frage, ein PDF sieht auf allen Geräten gleich aus – das ist der große Vorteil. Eine Datei, nichts weiter. Aber kann das weiterhin das ausschlaggebenede Argument sein für die Nutzung von PDF zur Publikation von Inhalten? In einer Zeit mit Smartphones, Tablets und weiteren Bildschirmgrößen ist diese strikte Darstellungsweise eben auch ein großer Nachteil. Beim PDF gibt es keine „responsive webdesign“-Variante, die sich an die Bildschirmgröße anpasst und es der*dem Betrachter*in angenehm macht. Hier kommt auch die Barrierefreiheit mit ins Spiel.
PDF hat sich durchgesetzt und jeder kann es öffnen. Ja, aber: HTML kann aber auch jeder öffnen, da ich davon ausgehe, dass jedes Gerät einen Browser installiert hat – im Gegensatz zu einem PDF-Reader, der vielleicht noch nicht installiert ist.

Die Editierbarkeit

Ein exportiertes PDF ist nur sehr schwer bis garnicht zu bearbeiten. Es lässt sich auch nicht einfach in einem Lernsystem weiterverarbeiten oder importieren, sodass es kein PDF mehr ist. Dafür war es auch nie gedacht. Open Office Dokumente sind um einiges besser, aber hier können auch Schriftarten fehlen oder viele eingebundene Grafiken zerstören das Dokument. Im Bereich der Textverarbeitung, Tabellenkalkulation oder weiteren sinnvollen Fällen sollte man die Open Office Entwicklung definitiv unterstützen, aber:

Made for the web: HTML5

HTML5 ist für das Internet gemacht. Es ist die Auszeichnungssprache, welche das Web beherrscht. Es ist für Inhalte im Web gemacht. Warum fokussieren sich also noch so viele Veröffentlichungen auf Formate, welche eigentlich zur Textverarbeitung (docx, odt) oder zum Gestalten von Print-Magazinen oder anderen Publikationen gedacht sind? Geht es im Web nicht auch um Interaktivität und Medienvielfalt?

Medien? Interaktiv? Bilder, Videos & mehr?

Keiner verbindet das PDF-Format mit großartig interaktiven Möglichkeiten – Videoeinbindung bei PDF: Keine gute Idee. Ebenso wenig ist dies bei Open Office Formaten der Fall.
Aber: Ein Video mit freier Lizenz aus dem Netz in ein HTML-Dokument einbetten? Na klar, wieso nicht?! Der große Vorteil: Seit der Einführung der <video>- und <audio>-Tags und der weit verbreiteten Unterstützung in den Browsern können Videos ganz einfach vom eigenen Server oder lokal eingebunden werden. Ganz ohne Flash und weitere Skripte, wie es früher der Fall war.

Ein OER-„YouTube“ für interaktive Lerninhalte: h5p

Das Projekt h5p geht inzwischen noch einen Schritt weiter und bietet das Einbetten von interaktiven HTML5-Elementen wie Quizzes oder Collagen an. Somit sind solche Lerninhalte endlich auch über die verschiedenen Lernsysteme und auf der eigenen Seite ganz einfach nutzbar. Beispiele finden sich hier. Das ganze ist übrigens auch download- und veränderbar.

Aber wie speichere ich etwas lokal ab? Ist MAFF das neue PDF?

Nun mag das Gegenargument kommen, dass HTML-Webseiten nicht so einfach zu speichern sind. Die einfachste Möglichkeit, um eine oder mehrere HTML-Dateien mitsamt der Medieninhalte (Grafiken, Video, Audio) zum Download anzubieten ist ein zip-Archiv.
Mozilla geht einen Schritt weiter und hat mit dem .MAFF Dateiformat eine interessante und für den*die Nutzer*in simple Alternative entwickelt, die eben auch Video- und Audio-Inhalte berücksichtigt und alles in einer(!) Datei speichert – ganz einfach über den „Datei –> Seite archivieren als“-Dialog:

MAFF files are standard ZIP files containing one or more web pages, images, or other downloadable content. Additional information, like the original page address, is saved along with the content; this metadata allows the browser to open these files intelligently.
MAFF, compared to other web archive formats, is particularly suited to package video and audio together with related web resources. This ability derives from the basic structure of the ZIP container, where compression can be used for web pages, and verbatim storage for content that require fast streaming access and wouldn’t benefit from being re-compressed, like most video and audio formats.

Was ich damit sagen will: Lehrende haben weiterhin mehrere Möglichkeiten, einzelne oder mehrere Seiten lokal zu speichern (Stichwort #offline) und an Kolleg*innen zu schicken. Nur: Der Browser wird dann das Standard-Anzeigetool statt einem PDF-Reader.

Wie nutze ich etwas weiter?

Der Workflow ist eigentlich ganz einfach:

  1. Download .html-Datei oder .zip-Archiv
  2. Gegebenfalls Entpacken
  3. .html-Datei mit Editor-Programm öffnen und bearbeiten
  4. Speichern
  5. Upload – fertig.

Es gibt übrigens inzwischen auch zahlreiche Online-HTML-Editoren. Plattformen wie GitHub könnten ebenfalls für die Bereitstellung und Bearbeitung der HTML-Dateien genutzt werden, während Medien wie Videos oder Bildern in Commons-Archiven oder bei externen Anbietern lagern (Das bietet sich auch bezüglich von Traffic und Bandbreite an, selber große Videos hosten ist meist keine gute Idee).
Ein OER-Online-Editor online könnte die Weiternutzung und Bearbeitung von Material zudem vereinfachen, wenn man auf HTML5 setzt.

Weg vom Dokument-Denken hin zum Web-Inhalt? Alte Gewohnheiten?

Der PDF-Export ist einfach. Der HTML5-Upload aber eigentlich auch? Die Erstellung von Textverarbeitungsdokumenten und HTML5 unterschiedet sich meiner Ansicht nach nicht unbedingt grundlegend. Also was spräche noch für HTML5?
Zum einen sind Read-it-Later-Dienste wie Pocket oder wallabag: Die schlucken natürlich keine Dateien, sondern nur Webseiten und extrahieren deren Inhalte für späteres Lesen.
Es gab in der Vergangenheit auch Bestrebungen, das Web annotierbar zu machen. Zum Beispiel durch das Annotator-Projekt. Dazu muss der Inhalt aber als Webseite mit URL vorliegen. Warum das gerade nicht funktioniert bzw. sich nicht durchsetzt? Meine These: Weil viele der guten Inhalte sich weiterhin in anderen Dateiformaten verstecken, die von solchen Projekten nicht erfasst werden können.
Ich war letztens auch auf der Suche nach einem Annotationstool für Dokumente – die Ergebnisse: eher gering.
Vielleicht liegt aber der Fehler auch bei mir selbst, wenn ich noch in „Dokumenten“ oder „Dateien“ denke statt in Inhalten? Ist vielleicht auch die Hochschule noch der größte Verhinderer von Innovationen, wenn wir Studierende weiterhin in Word oder Open Office ihre Arbeiten schreiben lassen – statt sie bewusst darauf vorzubereiten, Inhalte für das Web zu erstellen, die gelesen, weiterverarbeitet und kommentiert werden können? Stattdessen trainieren wir eine weitere Generation von PDF-Dokument-Exporteur*innen?
Wäre der vielversprechendere Weg vielleicht HTML5 zuerst plus optional alles, was ihr noch verbreiten wollt an Formaten?

Herausforderungen

Es gibt natürlich technische und gestalterische Herausforderungen. Ich bin mir bewusst, dass nicht jeder Browser Webseiten hundertprozentig gleich darstellt vom Design/Layout her. Und das dies auch wieder Zeitaufwand erfordert, um es zu testen und anzupassen. (Dafür gibt es aber eben die HTML-Standards, die von der W3C vorgegeben werden).
Auch die vorhandene Gestaltung via CSS ist bei der Bearbeitung sicher eine Herausforderung – bspw. wenn verschiedene CSS-Frameworks genutzt werden oder man herausfinden muss, warum Textblock B eine graue Schrift hat. Und natürlich setzt es voraus, dass die OER-Inhaltsersteller*in einen HTML-Editor bedienen können oder sich mit Web-Designer*innen für die Gestaltung zusammen tun.
„Das Auge lernt mit“, habe ich auf dem educamp gehört. Und ein sehr schön gestaltetes Magazin, welches vielleicht mit InDesign layoutet wurde, kann besser aussehen als dies mit HTML5 und CSS möglich ist – definitiv. Aber: Kann das im Kontext von OER wirklich ausschlaggebend sein? Steht hier nicht die Weiternutzbarkeit über dem Design? Sollte HTML5 nicht den Vorrang haben und alle Arbeitsenergie zuerst hierauf verwendet werden?
Was meint ihr? Wo habe ich zu kurz oder zu lang gedacht?
(Das Gedankenspiel beruht jetzt natürlich nur auf OER-Inhalt = viel Text [+ Bild + Video + Audio].)

 

3 Kommentare

Die Frage, in welchem Format OER-Inhalte publiziert werden sollten, ist sicherlich grundsätzlich bedeutsam. In der Praxis scheint mir der publizierte Inhalt aber wesentlicher zu sein als das jeweils gewählte Format.
Wünschenswert ist lediglich, dass ein Inhalt möglichst nicht bzw. nicht nur in einem nicht -bearbeitbaren Format, also z.B. als PDF, vorliegt, sondern immer – zumindest auch – in einem bearbeitbaren Format.
Ich persönlich liebe die Nutzung eines Wikis, z.B. des ZUM-Wikis (www.zumwiki.de), weil so der Inhalt grundsätzlich recht einfach von jedem und jederzeit weiter bearbeitet werden kann.

Danke für den Kommentar! 🙂
Ja, einfaches Bearbeiten ist deutlicher Pluspunkt von Wikis. Gestaltungsmöglichkeiten würde ich aber zu den Nachteilen zählen z.B. – ich werde darüber noch mal in Ruhe nachdenken!
VG,
Matthias