Die Faszination für Github und Open Source – und was das mit der NC-Debatte bei OER zu tun hat

„Ist ein Inhalt unter CC-BY-NC eigentlich OER?“ – in der OER-Community auf Facebook gibt es immer wieder Debatten um die „nichtkommerziell“-Einschränkung der Creative Commons Lizenzen (NC). Meine kurze Antwort hierzu ist: Nein, die NC-Einschränkung schließt viele Personen (und Unternehmen) kategorisch von der Nutzung aus und widerspricht somit sowohl der anerkannten UNESCO-Definition von Open Educational Resources als auch weiteren „Open“-Definitionen (z.B. dieser). Es ist ein Missverständnis, dass Offenheit und kommerzielle Verwendung sich gegenseitig ausschließen.
Wie komme ich zu einer solchen Einschätzung? Ich möchte mit diesem Beitragsentwurf einen vergleichenden Blick in die Welt der Open-Source-Programmierung werfen, welche mein Verständnis von Offenheit geprägt hat. Open-Source-Software und die dazugehörigen Communities werden meiner Erfahrung nach im OER-Umfeld gerne und häufig als Positivbeispiel für offene Kollaboration angeführt, allen voran die Plattform Github. Wie wird im Open-Source-Kontext eigentlich mit der kommerziellen Nutzung von offenen Inhalten umgegangen?

Die Faszination für Github und Open Source im Bildungsbereich

Auf der Plattform Github findet sich eigentlich alles, was sich viele Akteure für den Bildungsbereich wünschen: Jede*r kann öffentlich Projekte anlegen. Softwareentwickler*innen stellen ihre Quelltexte offen bereit (in einem Projektrepository), Änderungen können transparent nachvollzogen werden (Versionierung), Inhalte kopiert, heruntergeladen und verändert werden (unter den jeweiligen Open-Source-Lizenzbedingungen). Andere Entwickler*innen können Anmerkungen machen, Fehler melden, selbst etwas für das Projekt entwickeln, für das Projekt vorschlagen (Pull Request) oder ihre eigene Version des Projekts weiterführen (Fork). Die Funktionen werden aktiv von Entwickler*innen (und Unternehmen) aus aller Welt genutzt – eine solch aktive Plattformnutzung erhoffen sich wohl viele Personen auch für den Bildungs- bzw. OER-Bereich, z.B. wenn es um Arbeitsmaterialien für den Schulunterricht geht.
Wie ist diese aktive Zusammenarbeit auf Github aber in Bezug auf Lizenzen geregelt?

Open-Source-Lizenzen und kommerzielle Nutzung?

Im Open-Source-Bereich werden derzeit eher selten Creative-Commons-Lizenzen genutzt, sondern Lizenzen wie die MIT-Lizenz, welche z.B. vom Massachusetts Institute of Technology 1988 veröffentlicht wurde. Die GNU General Public License (GPL) wurde ebenfalls 1988 erstmals veröffentlicht.  (Die Debatte um Open Source ist deutlich älter als die OER-CC-Lizenzdebatte – zum Vergleich: Die Creative-Commons-Lizenzen wurden erstmals 2002 veröffentlicht).
Github veröffentlichte 2015 folgende Zahlen zur Lizenznutzung von 80’000 Projekten, die einen entsprechenden Hinweis enthielten (Artikel im Github-Blog):

Rank License % of projects
1 MIT 44.69%
2 Other 15.68%
3 GPLv2 12.96%
4 Apache 11.19%
5 GPLv3 8.88%
6 BSD 3-clause 4.53%
7 Unlicense 1.87%
8 BSD 2-clause 1.70%
9 LGPLv3 1.30%
10 AGPLv3 1.05%

Ich habe für die verschiedenen Lizenzen kurz überprüft, ob eine kommerzielle Nutzung erlaubt ist und die Tabelle erweitert. Kommerzielle Nutzung könnte hierbei folgendes im Softwarebereich bedeuten:

Ich lade die Quelltexte einer Präsentationssoftware wie revealjs von Github herunter und erweitere die Software um eine Funktion, mit welcher ich Präsentationen mit dem Smartphone über eine App steuern kann. Ich investiere drei Wochen Arbeitszeit und verkaufe das entstandene Software-Produkt (App) an Endnutzer*innen.

Ob dies erlaubt ist, hängt von der Lizenz ab, die die Softwareentwickler*innen für ihr Projekt vergeben:

Rank License Kommerz. Nutzung erlaubt? Bedingungen / Quelle
1 MIT JA

Nur Autor- und Lizenznennung
(choosealicense.com)

2 Other
3 GPLv2 JA

Neues Projekt muss wieder unter GPL-Lizenz offen gelegt werden
(gnu.org)

4 Apache JA Nur Autor- und Lizenznennung und Dokumentation von Veränderungen
(choosealicense.com)
5 GPLv3 JA Neues Projekt muss wieder unter GPL-Lizenz offen gelegt werden
(choosealicense.com)
6 BSD 3-clause JA Nur Autor- und Lizenznennung
(opensource.org)
7 Unlicense JA Keine Bedingungen
(choosealicense.com)
8 BSD 2-clause JA Nur Autor- und Lizenznennung
(opensource.org)
9 LGPLv3 JA Quelltext unter LGPLv3 muss offengelegt werden, aber gesamtes Projekt muss nicht wieder unter LGPL-Lizenz stehen
(Wikipedia)
10 AGPLv3 JA Neues Projekt muss wieder unter AGPL-Lizenz offen gelegt werden
(choosealicense.com)

Die Tabelle wird auf Mobilgeräten nicht korrekt angezeigt, hier ist die Tabelle als Grafik verlinkt:

Fazit: Die Frage, ob eine kommerzielle Nutzung erlaubt ist, kann also gestrichen werden – JA, nur die Bedingungen variieren. Im FAQ des Institut für Rechtsfragen der Freien und Open Source Software (ifrOSS) wird dies so zusammengefasst:

Ja! Die Nutzungsfreiheiten, die durch die Open Source-Lizenzen gewährt werden, erlauben auch, dass Open Source Software verkauft oder vermietet wird. Es ist daher ein weit verbreitetes Missverständnis, dass „Open Source Software“ und „kommerzielle Software“ als Gegensatzpaar dargestellt wird (→ Was ist „proprietäre Software“ bzw. „Closed-Source-Software“?). Open Source Software kann kostenlos sein, muss es aber nicht.

Im FAQ auf opensource.org wird dies auf englisch ebenfalls wie folgt formuliert:

Can Open Source software be used for commercial purposes?
Absolutely. All Open Source software can be used for commercial purpose; the Open Source Definition guarantees this. You can even sell Open Source software.
However, note that commercial is not the same as proprietary. If you receive software under an Open Source license, you can always use that software for commercial purposes, but that doesn’t always mean you can place further restrictions on people who receive the software from you. In particular, copyleft-style Open Source licenses require that, in at least some cases, when you distribute the software, you must do so under the same license you received it under.

Die Trennlinie der Offenheit: Freiheitswahrung

Die entscheidende Frage ist, ob eine Namens- und Lizenznennung ausreichend ist (wie bei den Lizenzen MIT, Apache, BSD) oder ob neue Projekte ebenfalls wieder unter einer freien Lizenz offen gelegt werden müssen (GPL-Lizenzen). Letztere Bedingung wird auch als Copyleft-Klausel bezeichnet, mit welcher die ursprünglichen Freiheiten erhalten werden sollen – es gibt hier verschieden starke Varianten: AGPL wird bei choosealicense.com als sehr stark bezeichnet, GPL als stark. Eher moderat ist die LGPL-Lizenz da nicht das gesamte neue Projekt wieder unter der LGPL-Lizenz stehen muss. Vorsicht, Namen- und Begriffsstreit: Die GPL-Lizenzen gehen auf die Free-Software-Bewegung zurück, welche im Gegensatz zu Open-Source-Akteuren mehr Wert auf die Freiheitswahrung legen. Auf gnu.org wird Freie Software wie folgt definiert:

Freie Software ist Software, die die Freiheit und Gemeinschaft der Nutzer respektiert. Ganz allgemein bedeutet das, dass Nutzer die Freiheit haben Software auszuführen, zu kopieren, zu verbreiten, zu untersuchen, zu ändern und zu verbessern. Freie Software ist daher eine Frage der Freiheit, nicht des Preises. Um das Konzept zu verstehen sollte man an frei wie in Redefreiheit denken, nicht wie in Freibier.

Sowohl die Free Software Foundation (FSF) als auch die Open Source Initiative (OSI) prüfen neue Lizenzen oder Lizenzversion anhand der jeweiligen Open-Definitionen. Das Urteil ist meist deckungsgleich, eine Liste ist u.a. hier zu finden.
Inzwischen wird auch der hybride Begriff FOSS bzw. Floss (Free/Libre Open Source Software) verwendet, der sowohl die Open-Source- als auch Free-Software-Bewegung berücksichtigt (Im Artikel spreche ich vereinfachend von Open Source).
Was beide Bewegungen gemeinsam haben: Es gibt keine Trennlinie bei den Lizenzen zwischen „kommerzielle Nutzung erlaubt“ oder „nicht erlaubt“. Die Nutzung, Veränderung und Wiederveröffentlichung von Quelltexten ist im Open-Source-Bereich für alle Entwickler*innen und Unternehmen möglich, ganz gleich mit welcher gemeinnützigen Nutzungs- oder kommerziellen Gewinnerzielungsabsicht, d.h. die Software kann für jegliche Zwecke verwendet werden.
Im Fall des obigen Beispiels der Präsentationssoftware revealjs ist das Projekt unter einer MIT-Lizenz verfügbar (siehe LICENSE-Datei), sodass eine Namens- und Lizenznennung für mich ausreicht, um ein kommerzielles Projekt damit zu betreiben.
Wäre es unter einer Lizenz mit einer starken Copyleft-Klausel verfügbar, hätte ich mein neues Softwareprodukt (App) wieder unter einer Copyleft-Lizenz offen legen müssen. Was sehr interessant ist, da dann jede*r ebenfalls selbstständig meine kostenpflichtige Software auch selber nutzen oder verändern kann – die Freiheiten für Nutzer*innen und Entwickler*innen bleiben also auf jeden Fall erhalten. Bei der sehr offenen MIT-Lizenz bleibt es hingegen mir überlassen, ob ich den Quelltext wieder offenlege oder ob ich in meiner App nur den  Entwickler von revealjs sowie die Lizenz angebe. Im Fall von revealjs haben übrigens zahlreiche Personen Erweiterungen freiwillig wieder offen gelegt auf github: revealjs Plugins-,Tools- and Hardware.

Was bedeutet das für die Debatten rund um OER?

Vergleicht man die Open-Source Lizenzen mit Creative-Commons-Lizenzen, so würde die MIT-Lizenz z.B. der CC-BY-Lizenz entsprechen. Die Lizenzen mit Copyleft-Klauseln entsprechen der ShareAlike-Einschränkung (Weitergabe unter gleichen Bedingungen), da hier neu entstandene Inhalte ebenfalls wieder unter einer Creative-Commons-Lizenz mit ShareAlike-Bedingung veröffentlicht werden müssen (Die ShareAlike-Bedingung wird in der irights-Broschüre zum Thema NC als NC-Alternative empfohlen).
Creative Commons Zero könnte man mit der Unlicense-Lizenz vergleichen.
Was nach obigen Ausführungen klar sein sollte: Ein Äquivalent für die NC-Einschränkung findet sich nicht in der Open-Source-Welt. Dies sollte meiner Einschätzung nach unbedingt im Hinterkopf behalten werden, wenn auf Konferenzen oder Barcamps von Open-Source-Communities und/oder Github geschwärmt wird, gleichzeitig aber NC-Lizenzierungen als Open-kompatibel verteidigt werden. Wäre Github oder Open Source allgemein denkbar, wenn ein NC-Graben existieren würde?
Im OSCE-Forum beschreibt der User Cameralibre anhand mehrerer Definitionen, warum er die NC- (und ND-)Varianten von Creative Commons nicht als Open Source klassifiziert (Forenbeitrag):

They do not meet the terms of the Open Definition7Open Hardware DefinitionFree Culture Definition1, the Free Software1 or Open Source2 definition, and cannot be called ‚open source‘.

Im Bereich OER kann die UNESCO-Definition angelegt werden, welche eine Nutzung, Bearbeitung und Weiterverbreitung unter offener Lizenz „ohne oder mit geringfügigen Einschränkungen“ definiert – dies kann durch CC0, CC-BY oder CC-BY-SA erreicht werden. Bei den Lizenzvarianten mit NC stellt sich auf Grund der weitreichenden Einschränkungen die Frage der Geringfügigkeit für mich nicht, weil alle gewinnorientierten Unternehmen sowie Selbstständige ausgeschlossen werden. Es kann durchaus gute Gründe für NC- oder ND-Nutzung geben, aber muss ein Projekt dann wirklich als OER betitelt werden – oder sollte hierfür ein eigener Begriff gefunden werden? Nicht falsch verstehen: Der kostenfreie Zugang zu Informationen und Wissen – egal wie unter welcher Lizenz – ist prinzipiell eine großartige Sache! Das Label „OER“ und die dahinterstehenden Definitionen sollten aber auch angewendet werden, sonst besteht die große Gefahr einer Begriffsaufweichung.
Natürlich finden sich auch in Bezug auf Open Source Anfragen von Einsteiger*innen, die ihre Software gerne als Open Source veröffentlichen würden, aber kommerzielle Nutzung verbieten möchten. Diese Anfragen werden von der Community aufgefangen mit Verweis auf die Open-Definitionen. Hier einige Beispiele:

Drei große Missverständnisse in den OER-Debatten?

Existieren also drei große Missverständnisse, die anhand der NC-Einschränkung sichtbar werden?

1. Open und kommerziell schließt sich aus?

Es ist daher ein weit verbreitetes Missverständnis, dass „Open Source Software“ und „kommerzielle Software“ als Gegensatzpaar dargestellt wird […]. Open Source Software kann kostenlos sein, muss es aber nicht.

Für mich ganz persönlich steht die große Frage im Raum, ob allen Personen das im ifrOSS-FAQ beschriebene Missverständnis von Open Source und kommerzieller Nutzung bekannt ist oder ob dieses Missverständnis auch zur stets wiederkehrenden Debatte beigetragen, ob ein Inhalt nicht auch unter NC-Einschränkung als Open Educational Resource bezeichnet werden kann?

2. Die CC-Lizenzen wurden für OER entworfen?

Existiert zusätzlich das große Missverständnis, dass die verschiedenen Creative-Commons-Lizenzen explizit für OER entworfen wurden und somit auch die NC-Einschränkung für OER vorgesehen ist? Dies wurden die CC-Lizenzen nämlich keineswegs, sondern sie wurden von OER-Produzierenden und Akteuren nur eingesetzt und übernommen, weil sie international bereits weit verbreitet und anerkannt waren – mit all den Fallstricken, die das mit sich brachte. Eine neue, eigenständige OER-Lizenz könnte diesen Vorsprung auf mittlere Sicht nur sehr schwer und mit enormen Ressourcenaufwand aufholen, um Rechtssicherheit zu schaffen – für Creative Commons gibt es organisierte Arbeitsgruppen in vielen Regionen der Welt, weshalb im Bereich OER auf CC-Lizenzen gesetzt wird. Eine eigene, global anerkannte OER-Lizenz würde aber schon aus Gründen der globalen Praktikabilität wohl kaum eine NC-Einschränkung enthalten (und schon gar keine ND-Einschränkung).

3. Präventive Nutzungseinschränkungen sind wichtiger als die soziale Dimension?

Das dritte Missverständnis besteht für mich möglicherweise darin, dass den Lizenzen zu viel Bedeutung beigemessen wird – geht es nicht vor allem um die soziale Dimension und Praktiken in Bezug auf OER? Freie Lizenzen sollten doch eigentlich – siehe Open-Source-Bewegung –  nur die möglichst offene Verwendung urheberrechtlich ermöglichen (bzw. mit Copyleft Freiheiten sicherstellen) im Sinne von bestimmten Open-Definitionen?  Falls jemand die Befürchtung hat, dass eigenes OER-Material kommerziell verschlossen wird, könnte ganz einfach auf CC-BY-ShareAlike gesetzt werden im Sinne vom oben beschriebenen Copyleft, welches die Freiheiten am Material erhält und z.B. Verlage zur Namensnennung und offenen Wiederverfügbarmachung des neuen Werks verpflichtet. Wäre dies nicht tatsächlich naheliegender als mit der NC-Einschränkungen viele Nutzungsmöglichkeiten pauschal zu verbieten und gegen mehrere Open-Definitionen zu verstoßen? Ist all das nicht der „Preis der Offenheit“, den man für OER „zahlt“, durch welchen aber vielfältige Potenziale und Freiheiten eröffnet werden für Bildung und Lernen?
Weiterhin frage ich mich, ob ein möglicher potenzieller „Missbrauch“ von offenen Inhalten immer per Lizenz präventiv verhindert werden muss im Vorfeld – also auf einer rechtlich/juristischen Ebene? Welchen Reputationsgewinn hätte ein Akteur, welcher freie OER-Arbeitsblätter für 50,00 € digital und ohne das Hinzufügen eines Mehrwerts zum kostenpflichtigen Download anbietet? Durch die verpflichtende Namensnennung (BY) ist z.B. klar ersichtlich und per Suchmaschine nachvollziehbar, woher das Material stammt. Selbst bei einer CC0-Lizenz ist die Quelle digital auffindbar: Wer würde das ernsthaft kaufen bzw. sich nicht betrogen fühlen  – und zwar nicht rechtlich, sondern rein auf sozialer Ebene? Würden diese Personen oder Anbieter*innen nicht ganz schnell schlechte Publicity erhalten?
Wie offen ist also das O in OER? Wird es Freiberufler*innen zugestanden auch mit freien OER-Inhalten ihren Lebensunterhalt zu bestreiten (NC schließt diese kategorisch aus von einer Nutzung)? Und dürfen auch gewinnorientierte Unternehmen Gewinne mit OER erzielen, ebenso wie sie es mit Open-Source-Software seit Jahren tun? Oder ist es auch im Jahr 2017 schwer vorstellbar Geld mit freier Bildung zu verdienen?
Existieren diese Missverständnisse? Sollte Open Source das Vorbild für OER sein? Oder spielen andere Perspektiven im Bildungsbereich eine wichtigere Rolle bzw. ist die Nichtkommerzialität in irgendeiner Form gestaltgebend für den Bildungsbereich bzw. ist eine Trennlinie nötig für OER? Übersehe ich etwas? Ich freue mich auf die Diskussion!


Es handelt sich bei diesem Artikel um einen weböffentlichen Entwurf – Unzulänglichkeiten, Fehlannahmen oder andere Aspekte sehr gerne in den Kommentaren ergänzen.  Dieser Beitrag wurde mit der Open-Source-Blogsoftware WordPress geschrieben.
Hintergrundinformationen zu NC: Die NC-Einschränkung untersagt eine kommerzielle Nutzung – was genau als kommerzielle Nutzung verstanden werden kann ist hierbei je nach Kontext allerdings schwer zu bestimmen. Keinesfalls geht es nur um den Verkauf von Inhalten, sondern z.B. um die Unternehmensform sowie eine mögliche Gewinnerzielungsabsicht. Vor allem für Freiberufler im Bildungsbereich, zu denen ich ebenfalls gehöre und mit welcher ich per se eine Gewinnerzielungsabsicht habe, schlägt die Einschränkung voll zu. Sie verhindert rechtlich gesehen jegliche Nutzung – selbst wenn ich Material nur verändere (remixe) und kostenfrei wieder in meinem Blog zur Verfügung stelle, aber eben auch wenn ich einen medienpädagogischen Workshop in einer Schule halte gegen ein Honorar. Aber auch gemeinnützige Organisationen können potenziell gegen die NC-Bedingung verstoßen, siehe z.B. hier.

Creative Commons Lizenzvertrag Gerne weiterverwenden! Dieser Artikel (Text) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Der Urheber soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Matthias Andrasch. Urheberrechtliche Angaben zu Grafiken, Videos oder anderen verwendeten Inhalten finden sich meist direkt bei den jeweiligen Inhalten. Titelbild des Beitrags: „Dave Lane introduces the Open Source in“ (CC BY-SA 2.0) by 4nitsirk.

4 Kommentare

Hallo Matthias,
Danke für diesen Beitrag! Die NC-Diskussion aus der Open Source Sicht aufzuziehen hat mein Kenntnisstand dahingehend wirklich erweitert.
Die klassischen Positionen sind ja bekannt: „Ich mache das lieber NC, damit kein Verlag kommt und dafür Geld verlangt.“ Dann frage ich meistens: Was ist dir wichtiger, dass es sich verbreitet oder die 1:100.000 Wahrscheinlichkeit, dass diese Angst Wirklichkeit wird und im besten Fall auf 50.000 Lehrbuchseiten erwähnt wirst? Natürlich werden OER von vielen Personen in verschiedenen Positionen und unterschiedlichen stakes hergestellt, aber die kognitive Dissonanz schwingt irgendwie immer mit: Werbeeffekt des Offenen nutzen, gleichzeitig maximale Kontrolle behalten.
Für technische OER-Infrastrukturen ist das m.E. sehr problematisch. Sei es der Anbieter einer Mediathek, eines Repositories oder eben gar eines OER-Editors: Eine heterogene Landschaft von Anbietern, die ja letztlich einen Markt beleben sollen, kann aus meiner Sicht nicht ausschließlich von Stiftungen, Öffentlichen und Vereinen bevölkert werden. Würde mich auch wundern, wenn das ein politischer Wille wäre. Wenn OER-Infrastrukturen wachsen und Popularität gewinnen sollen, braucht es auch klassische Unternehmen oder gern auch „Sozialunternehmen“, die die Nutzenmaximierung nicht nur im Profit, sondern auch in sozialen Werten suchen und sich sich aktiv daran messen. M.E. ist es zielführender, den Anbieter eines Produktes oder eines Services nach seinen Werten zu beurteilen und entsprechende Kaufentscheidungen zu fällen, anstelle dem gesamten System per NC-Lizenz, den Brennstoff vorzuenthalten.
Aus meiner Sicht gefährdet die massenhafte Nutzung von NC die Idee von OER und die Kultur des Teilens. NC ist auch keine „Education-only-Lizenz“, wie wir wissen. Deswegen braucht es weiterhin viel Aufklärung, um letztlich Offenheit richtig zu machen sowie Pluralität und Heterogenität zu ermöglichen.
Für mich hinkt der Open Source Vergleich im Hinblick auf die Bewertung von NC insofern, als das es sich bei OER einfach um einen anderen Gegenstand handelt, der mit anderen Bedürfnissen der Darstellung und Verarbeitung daher kommt. Er ist grundsätzlich auch für mehr Menschen ein Moment der Auseinandersetzung. Code ist nach wie vor ein Thema für Personen, die über Jahre entsprechende Zugänge erworben haben. Unterrichtsmaterial begegnet jedem Menschen im Idealfall einige Jahre lang. OER muss daher seinen eigenen Weg in die Gesellschaft finden und kompatibel für viele Arbeitsweisen werden. Dafür hat man sich CC-Lizenzen erkoren; mit all ihren Vor- und Nachteilen.
CC für OER zu effektiv zu instrumentalisieren, wird noch einige Jahre und viele clevere Ideen brauchen. Aber gerade scheinen wir ja auf einem guten Weg zu sein 🙂
Viele Grüße
Thomas

Danke für den tollen Kommentar! Ich stimme dir in den meisten Punkten vollkommen zu. Nur bzgl. einer Schlussfolgerung würde ich widersprechen:
„Code ist nach wie vor ein Thema für Personen, die über Jahre entsprechende Zugänge erworben haben.“
Coden ist für mich inzwischen auch ein Massenphänomen, weil es online inzwischen allgegenwärtig ist, man sehr leicht an Quelltext herankommt und ein Projekt anlegen kann. Während meiner Recherche habe ich noch etwas tiefer gegraben und bin auch auf Artikel gestoßen, in denen jungen Entwickler*innen vorgeworfen wird, sich nicht mehr für Open Source zu interessieren. Begründung hierfür: Sie lizenzieren ihre Projekte (auf Github & Co) nicht mehr ordentlich – und wenn sie es tun, nutzen sie eben keine Copyleft-Lizenz. Es gab dafür allerdings mehrere, spannende Erklärungsversuche:
„The most common license by far is the MIT license, with just shy of half of all licensed repositories opting for the MIT. I think a big reason for that is that developers today are learning to code in a world that open source has already won.“
https://opensource.com/life/15/7/interview-ben-balter-github
Weitere Artikel hier zu:
Einordnung von ifross:
http://www.ifross.org/en/artikel/github-und-thema-post-open-source-software
Faulheit bzgl. Lizenzentscheidung oder keine Lizenz als politisches Statement gegen Copyright?
http://lu.is/blog/2013/01/27/taking-post-open-source-seriously-as-a-statement-about-copyright-law/
In Bezug auf OER finde ich das ganz faszinierend, weil Github als Plattform es geschafft hat, den freien Zugang zu Quelltexten als Standard für die Masse zu setzen, aber eben nicht konsequent Open Source mit entsprechender Lizenzierung zu etablieren (fraglich ist, ob sie das überhaupt gewollt haben).
Spontan stellt sich da aber für mich die Frage, ob OER-Mainstreaming bspw. mit einer github-ähnlichen Plattform möglich wäre, aber strenge Lizenzaspekte eventuell genau so verloren gehen könnten?
Weiterhin fraglich ist ja in meinen Augen auch, ob Github ebenso Erfolg gehabt hätte, wenn die kostenfreien Public Projects bei Github zwangsweise eine Open-Source-Lizenz hätten haben müssen – oder ob dieser Zwang Neueinsteiger*innen abgeschreckt hätte? (Mit einer Zwangsentscheidung, für welche Nutzer*innen evtl nicht genug Wissen haben, würde man ja auch die rechtliche Problematik deutlich erhöhen, wenn statt fehlender (und somit unklarer) Lizenzierung z.B. Copyleft-Quelltexte aus anderen Projekten dann als MIT lizenziert werden. Das wäre ja aus meiner Sicht deutlich klarer als Regelverletzung identifizierbar (und somit abmahnbar).
Als Info für Mitlesende: Derzeit sieht Github so aus, wenn man ein Projekt anlegt – Lizenzauswahl ist optional, die Option „Private“ steht nur zahlenden Kunden zur Verfügung: https://matthias-andrasch.de/wp-content/uploads/sites/3/2017/07/repo_anlegen_github.png
Neueinsteiger*innen wollen ja potenziell ERST coden, experimentieren und etwas erstellen (und vielleicht viel später erst tatsächlich lizenzieren und sich mit Lizenzen auseinandersetzen). (Genau dieses Vorgehen ermöglicht ja Github)
Die große Frage ist, was kann die OER-Community daraus lernen? Wie könnte eine „Post-OER-Welt“ jetzt schon gestaltet werden?

Hallo Matthias,
wirklich spannende Gedanken, die du entwickelst. Macht Spaß.
Wir werden wohl zu keiner Übereinstimmung kommen (müssen), wenn es darum geht, zu bewerten, ob Coden ein Massenphänomen ist oder nicht. Ich würde mich freuen, wenn es auf dem Weg ist, eins zu werden. D.h. es wäre „gut“, wenn du Recht hast. Außerhalb meiner eigenen Filterblase (eigentlich auch innerhalb) sehe ich Coden aber noch in Schuhgröße 24.
Wie OER „gemainstreamt“ aussieht und ob es so aussehen wird, wie Open Source ist eine gute Frage. Wenn man sich die NDLA anschaut, würde ich auch sagen, dass wir bis dahin noch einige Jahre brauchen werden und dann dennoch „nur“ 30% der Lehrkräfte wirklich auf die Lizenzen achtet. Denn OER sind an sich keine virale Kulturtechnik. Um schnell adaptiert zu werden, bräuchte es entweder digitale oder analoge „Viralität“ – beides liegt nicht vor. Die Geschwindigkeit der Adaption anspruchsvoller Rechts- und Technologiethemen ist in einer dafür scheinbar affinen Zielgruppe (EntwicklerInnen) letztlich rascher – ggf. auch weil stärker in einen ökonomischen Kontext verflochten und weil eben digitale Viralität verfügbar – als in der Gruppe der Lehrkräfte. Zumindest ist das eine von vielen bestätigte Beobachtung 😉
Die Post-OER-Hype-Welt wird in meiner Sicht von einer recht großen Vielfalt unterschiedlicher Nutzungsbedingungen geprägt sein, die verschiedene Plattformen und Anbieter unterschiedlich gut für Ihre Nutzerinnen aufbereiten. Im Idealfall sind Lehrkräfte dann sensibilisiert für OER und Urheberrechtsthemen und können informierter entscheiden. Die Plattformen werden darüberhinaus ihre Nutzerinnen über Nutzungsbedingungen konkreter informieren müssen. Das wäre schon allerhand und wünschenswert.
Bei der Konzeption von tutory haben wir uns übrigens an Github orientiert (limitierte Anzahl privater Speichermöglichkeit, Zahlen oder Veröffentlichen für mehr Speichern, tutory ist genau wie Github auch nicht Open Source). Aber da können wir uns ja mal so drüber unterhalten, weil Werbung 😉
Viele Grüße
Thomas