Das Riesen-iPhone im Fitnessstudio?

Entscheidungen von Fitnessunternehmen als Wegweiser für „Digitale“  Bildung?

Viele Anregungen für Umgang mit neuen medialen Möglichkeiten fand ich in letzter Zeit im Fitness- und Sportbereich. Was die Diskussion im Sportbereich eventuell etwas fruchtbarer macht: Bei Sport ist die körperliche Präsenz gesetzt (im Gegensatz zu digital/real/virtuell/analog-Debatten in der Bildung, wo manchmal auch nur das Gehirn aktiviert werden soll). Hier drei Anekdoten:
Disclaimer I: Es handelt sich bei diesem Artikel um einen ersten Gedankenentwurf, welcher gefährliches Halbwissen im Fitnessbereich bündelt. Kritische Kommentare gern gesehen!

Anekdote I: Mrs. Sporty und Pixformance (aka. das Riesen-iPhone)

Vor einem Jahr konnte ich mal Pixformance testen, ein digitales Unterstützungssystem im Fitnessbereich, welches seit wenigen Jahren bei dem Fitnessanbieter Mrs. Sporty eingesetzt wird. Ich war baff begeistert, weil es für mich eine Art „Antwort auf digitale Fragen“ war, die ein Unternehmen für sich gefunden hat – und weil es so viele Parallelen zur Diskussion um „Digitale Bildung“ und Schulen/Hochschulen bietet: Mrs. Sporty hatte vor der Einführung von Pixformance ausschließlich persönlich angeleitetes Zirkeltraining in der Gruppe im Angebot, sprich: Offline-Training 😉
Aber der Reihe nach (Video):

Das System übernimmt also durch Videofunktion und Kameraerkennung z.B. das

  • Zählen von Übungsausführungen, z.B. Kniebeugen, Schrittkombinationen, Ball hochhalten
  • Messen der Zeit
  • Vormachen der aktuellen Übung im Trainingsplan
  • Dokumentation/Datenerfassung (Ziele und Fortschritte, Scoringsystem)

Perfekt! Also auch einfach ein solches Gerät zuhause hinstellen und fit werden? So wie es das folgende Video eines anderen Fitnessstudios suggeriert?

Wer das erste Video von Mrs. Sporty aufmerksam geschaut hat, sieht trotzdem Trainer*innen, die den Kundinnen Hinweise zur Haltung geben oder Fragen beantworten. Auf der Webseite von Mrs. Sporty heißt es, „Zusammen mit dem Trainer definierst du deine Ziele und hältst auf der Pixformance Plattform dein Fitnesslevel und deinen Gesundheitszustand fest“. Wegdigitalisiert wurden also nur die Aufgaben bei Mrs. Sporty, die durch aktuelle Technologie aus Sicht des Unternehmens gut umsetzbar sind mit Pixformance. Trainer*innen können sich also potenziell auf gezieltes Feedback zur Haltung oder Fragen der Kundinnen konzentrieren statt die Stoppuhr zu halten oder Wiederholungen zu zählen/zu bewerten.
Die Trainer*innen selbst wurden nicht durch das System ersetzt da die soziale Komponente aus Unternehmenssicht unverzichtbar für die Zielgruppe und das Produktangebot ist (These meinerseits). Wer lieber allein/anders trainiert, der kann eben auf andere Anbieter oder Angebote zurückgreifen.

Anekdote II: Der Kieser-Papierzettel

Kieser gehört zu den teureren Fitnessanbietern und hat sein Angebot auf das Krafttraining begrenzt, Cardio-Geräte oder Wellness gibt es nicht. Teil des Kieser-Angebots ist zudem eine ärztlicher Check am Anfang mit Trainingsplanempfehlung, zwei Einführungseinheiten mit Trainer zu Beginn der Mitgliedschaft sowie die ständige Möglichkeit beim Kieser-Personal im Studio bzgl. der Ausführung der Übungen nachzufragen wenn beim selbstständigen Training Fragen auftreten. Für die meisten Maschinen gilt ein 2-4-2-Sekunden-Rhythmus und 120 Sekunden anvisierte Übungszeit, d.h. alle Kieser-Kunden trainieren nach demselben Prinzip und Abweichungen sind durch das Kieser-Personal potenziell leicht zu entdecken.
Kieser hatte ebenfalls eine App im Einsatz, stellte die Entwicklung aber wieder ein. Aktuell wird weiterhin ein Papierzettel, Klemmbrett sowie Bleistift benutzt um Gewichte, Maschineneinstellungen und Übungen zu dokumentieren. Grund war wohl u.a. (Vorsicht, Hören-Sagen) dass die Kieser-Trainer*innen auf die Papierzettel der Kunden kurz einen Blick werfen können wenn sie z.B. eine falsche Sitzhöheneinstellung vermuten oder die Gewichte nicht passend erscheinen. Bei einer App setzt dies voraus, das Smartphone des Kunden erst entsperren zu lassen und dann ein Privatgerät in die Hände zu nehmen. 
Der CEO äußerte sich wie folgt im stern-Interview:

Apps, die den Trainingserfolg messen oder andere elektronische Gadgets sind „nice to have“, aber sie erhöhen nicht den eigentlichen Kundennutzen. Wir haben ein Kundenprofil, um das uns viele beneiden, und nach dem richten wir uns aus.

Anekdote III: Freeletics-Gruppen

Die Freeletics-Bewegung (Video) ist quasi das Anti-Fitnesstudio-Angebot: Mit einer App kann das Training jederzeit und an jedem Ort durchgeführt werden, ganz alleine und individuell – durch die Statistiken auch potenziell im „Wettstreit“ mit Freunden. Trotz der Möglichkeit des individuellen Trainings haben sich hier zahlreiche Facebook-Gruppen etabliert, in welchen gemeinsame Trainingseinheiten abgesprochen werden.

Was hat das alles mit „Digitaler Bildung“ zu tun?

Mrs. Sporty hat als Unternehmen im Kontext Digitalisierung eine Lösung für seine Kunden (und Mitarbeiter*innen bzw. Franchisepartner*innen) im Produkt Pixformance gefunden, in sein Konzept/Angebot sowie seine Wertekommunikation integriert: „Ja, bei uns kannst du digital-unterstützt trainieren und deinen Fortschritt analysieren, aber wir Trainer*innen weichen nicht von deiner Seite und beraten dich, weil der soziale Aspekt (weiterhin) wichtig ist!“ (These/Formulierung meinerseits).  Im Gegensatz zu Interaktiven Whiteboards an Schulen wurde das Pixformance-System zudem in das Hauptangebot integriert und ist nicht etwas, was optional in der Ecke steht wie im zweiten Video.

Der Einwand von Elke Noah ist in meinen Augen berechtigt, jedoch wird durch das Pixformance-System das korrekte Ausführen der Übungen skalierbar gemacht, soll heißen: Natürlich wäre es schöner wenn ein*e Trainer*in den Übungsprozess die ganze Zeit mitbeobachtet, Wiederholungen überprüft und Hinweise gibt. Auf Grund von Personalressourcen ist dies vermutlich aber nicht wirtschaftlich, hierfür gibt es ja deutlich teurere Personaltrainer*innen. Moderate Qualität wird also skalierbar gemacht durch das System.
Das Unternehmen Kieser hat hingegen experimentiert und ist vorerst zu dem Fazit gekommen, dass der Einsatz von Apps nicht den Nutzen bringt für das eigene Trainingskonzept. Hier wird es spannend sein die Entwicklung zu beobachten, z.B. wie die nächste Fitnessgeräte-Generation in den Studios aussehen wird.

Oft zu wenig beachtet: Die sozialen Aspekte?

Das zweite Video des Alleintrainierenden erinnert stark an Jörans Artikel „Es gibt keinen Raum namens ‚Anywhere‘ – woran e-learning scheitert“, wenngleich das Gerät noch in einem Fitnessstudio steht.  Ebenso gut könnte es aber zuhause stehen, weil es ja angeblich den Personaltrainer ersetzt. Alleine und potenziell zu jeder Zeit vor dem Bildschirm trainieren bzw. im Kontext von Bildung zu lernen spricht sicherlich eine bestimmte Zielgruppe an – für andere (und laut Jörans Artikel eher die Mehrheit der Menschen) fehlen vermutlich hier aber zeitliche/räumliche Struktur und/oder soziale Aspekte.

Menschen können nur zu konkreten Zeiten, in konkreten Räumen und in konkreten sozialen Settings lernen. Lernangebote, die das ignorieren, haben ein Problem. Alle Zeiten sind schon besetzt. Und es gibt keinen Raum namens „Anywhere“.

Kurz: Es funktioniert also für die meisten Menschen nicht, wenn man eine Maschine/ein Angebot einfach nur allzeit verfügbar macht. Vergleichbar wäre dies vielleicht auch mit VHS-Fitnessvideos, Sportgeräten zuhause im Wohnzimmer oder neuerdings Trainingsapps.

Über die „Werte“ an die Diskussion herantreten?

Mir persönlich fehlt diese Herangehensweise über Werte als Ausgangspunkt leider oft im Kontext „Digitaler Bildung“, sei es an Hochschule oder Schule. Ich habe auf Panels bisher nur selten gehört „Ja, wir sind schwerpunktmäßig eine flexible Hochschule und daher wollen wir allen Lernenden Videoaufzeichnungen sowie gute Online-Kurse zur Verfügung stellen, wenn sie nicht so oft vor Ort erscheinen können. Wir sind uns der Vor- und Nachteile bewusst“. Stattdessen hört man zuerst alle allgemeinen Vor- und Nachteile diverser Methoden wie inverted classroom/flipped classroom sowie Schreckensszenarien von Skinner oder andere Aspekte, die leider zu oft für mich im luftleeren Raum stattfinden. Meist weil sie die Bedarfe der Lernenden sowie die Werte und Ziele einer bestimmten Bildungsinstitution überhaupt nicht mitdiskutieren.
Gut müsste doch das sein, was den jeweiligen Institutionswerten/der Kultur, den Bildungszielen (der Institution,  der Gesellschaft, etc.?) sowie Lernenden (und Lehrenden) zu Gute kommt? Eine reflektierte Abwägung im konkreten Fall also, die auch nur für einen bestimmten Zeitraum getroffen wird? Die grundsätzliche Frage, die ich mir mit diesem Beitrag stelle ist folgende: Können Entscheidungen von Unternehmen im Kontext der Digitalisierung als Vorbild oder Anregung aufgegriffen werden im Kontext „Digitaler Bildung“? Für Hinweise und kritische Kommentare bin ich dankbar!
Grenzen dieses Beitrags, falls jemand Weiterdenken möchte:

  • Bildung ist (k)ein Produkt?!
  • Studierenden- vs. Kundenorientierung – Gabi Reinmann (Danke für den Hinweis, Timo van Treeck)
  • Ja, die Messbarkeit von Fitnessübungen ist deutlich einfacher als der Nachweis von Lernprozessen/erfolgen (begrenzt möglich?) oder Bildungsprozessen (unmöglich?!). Bei der Frage der Förderung von Motivation wage ich mich nicht festzulegen, da könnte es definitiv Schnittmengen geben 😉
  • Ja, Werte, Unternehmen, Marketing und ausschließliche Gewinnorientierung sind eine schwierige Mischung im Vergleich zu (derzeit) vornehmlich staatlich-finanzierter Bildung – trotz allem bewegen sich alle Akteure in ein und derselben realen Welt. 😉
  • Für das Ziel „gesamtgesellschaftlicher Konsens“ über Bildung(sziele) bitte Markus Deimann folgen oder den FOEPodcast hören
  • Tracking/Analytics in der Bildung: Stichwort „Students at risk“, „Totalüberwachtes Bildungssystem“, „Be less pigeon“ etc. – ich selbst habe ja ebenfalls schon einiges zu Big Data geschrieben. Hier müssen Bildungsinstitutionen eigene Entscheidungen treffen.
  • Wer tatsächlich übrigens gerade Skinner anwendet ist Electronic Arts & Co im Videospielbereich: EA reduced the cost of heroes in Battlefront 2, but forgot to mentioned they reduced your rewards. Do not believe their „changes“ (Ich persönlich glaube in diesem Kontext nicht, dass Entscheider*innen und Lehrende im Bildungsbereich tatsächlich solche Entscheidungen treffen würden bzw. dass Lernende oder die Gesellschaft dies großflächig akzeptieren würde – die Möglichkeit besteht natürlich, kritische Reflexion schadet nie. ;-))
  • Disclaimer II: Ich bin kein Experte [für Unternehmenskultur, Wertekommunikation oder Organisationssoziologie].
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