Monatsnotiz: Januar – März 2019

Monatsnotiz: eine kurze monatliche Zusammenfassung der Dinge, an denen ich arbeite (oder aktuell verzweifele ;-)), übernommen von Christian Friedrich.

Beruflich im hbz NRW

hbz NRW steht für Hochschulbibliothekszentrum NRW, dort bin ich seit November 2018 für das Vorprojekt Content-Marktplatz NRW sowie nebenbei noch für die OER World Map tätig bei Jan Neumann. Von außen (und auch wenn man die Büros besucht) dürfte man das hbz wohl oft unterschätzen, ebenso bibliothekarisch-freundlich und zurückhaltend geben sich auch die Mitarbeitenden meiner ersten Wahrnehmung nach.

Mein 0815-Büro mit Hinterhof-Romantik (als gebürtiger Berliner voll okay!), ohne Kicker, dafür hoffentlich bald mit Stehschreibtisch wie im hbz eigentlich durchgängig etabliert. (Bitte nicht falsch verstehen: Die Privilegien meines „Denk“-Jobs sind mir durchaus bewusst)

Was man nicht sieht: Das hbz verfügt aber über ein Rechenzentrum mit ordentlich Wumms und Menschen mit großem IT-Know-How. Zudem wurde hier schon früh an Themen wie Linked Open Data, Elastic Search, etc. gewerkelt und aktuell wird an leichtgewichtigen und dezentralen Lösungen für Metadaten für Lehrmaterial gearbeitet (SkoHub), also der Bildungsinfrastruktur der Zukunft. Weiterhin spielt „Open“ eine große Rolle.

Unterschätzt die „Bibliotheksmenschen“ also nicht, was Digitalisierung angeht, wenn ihr sie das nächste Mal trefft! 😉

Content-Marktplatz NRW

Nachdem wir uns Anfang des Jahres mit Ben Janssen und Robert Schuwer kurz zur OER-Infrastruktur in den Niederlanden ausgetauscht haben, standen im März eigentlich mehrere Aktivitäten auf dem Aufgabenzettel, die ich wegen einer Handverletzung und damit einhergehenden Zwangspause auf der Couch nicht ganz so umfangreich wie geplant angehen konnte:

  • primär: Koordination der Einrichtung einer edu-sharing-Testinstanz
  • Vorbereitung des Workshops „Ein NRW Netzwerk für (offene) Bildungsressourcen? – ein Workshop für die LMS-Communities NRW“ – Folien vom 1.4.2019
  • Mitarbeit an der Zwischenpräsentation – Folien
  • Gedankliche Arbeit an Vision / positiven Zukunftsentwürfen, Förderung einer Kultur des Teilens – einer kommunizierbaren Idee, die das Folgeprojekt dann mit Leben füllen kann (u.a. mit Start with why, Danke an Simon Smend für die Empfehlung)
  • Dark Reuse Study Ergebnisse sowie die Content-Illusion einarbeiten
  • Szenarien für die Hochschulen der Zukunft, die Ulf-Daniel Ehlers oder auch Jürgen Handke entwerfen, näher betrachten

Persönlich habe ich zudem viel darüber nachgedacht, wie ich die Erkenntnisse aus meiner Masterarbeit (u.a. Auseinandersetzung mit Design Based Research – Gabi Reinmann; Veröffentlichung folgt nach offizieller Bewertung), produktiv ins Projekt einbringen kann. Immer zentraler scheint mir der Aspekt zu werden, wie man an Praxisprojekte in der Hochschule herangeht und ob man sie – das wäre neu – als kontinuierlich zu bearbeitende Designprojekte versteht. Nicht die beste Idee „gewinnt“ bei Praxisprojekten, sondern die beste Umsetzung und Weiterentwicklung einer Idee (in produktiver Verbindung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen):

„Bereiter und Scardamalia (in press) stellen im Zusammenhang mit Differenzen zwischen Schule
und Arbeitswelt zwei Begriffe gegenüber, die sich auch für den Forschungsbereich heranziehen
lassen: den „belief mode“ und den „design mode“. Der in der Schule wie auch in anderen akademischen Bereichen vorherrschende „belief mode“ konzentriert sich auf die Überprüfung von Wissen und auf Beweisführung und den Beleg von „Wahrheit“ (oder Wahrscheinlichkeit). Auf neue Ideen reagiert man im „belief mode“ mit Zustimmung oder Ablehnung, mit Argumenten dafür oder dagegen – stets im Bestreben, Aussagen und Annahmen zu untermauern oder zu widerlegen. Dies stellt in der Tat eine wesentliche Grundlage wissenschaftlichen Denkens und Handelns dar. Die Frage aber ist, ob die Ausschließlichkeit des „belief mode“ sowohl im Alltag von Schule und Hochschule als auch in der Lehr-Lernforschung den heutigen Herausforderungen unserer Gesellschaft noch gerecht werden kann.

Dem „belief mode“ stellen Bereiter und Scardamalia (in press) den „design mode“ gegenüber, wie man ihn aus der Arbeitswelt kennt, in der es weniger um Wissen und Wahrheit als vielmehr um Nützlichkeit, Passung zu bestimmten Bedingungen und um künftige Potentiale geht. Auf neue Ideen reagiert man im „design mode“ mit der Suche nach möglichen Anwendungen, nach passenden Kontexten und nach Verbesserungsmöglichkeiten. Das heißt allerdings nicht, dass es den „belief mode“ in der Arbeitswelt nicht gäbe; dieser begleitet den „design mode“ an geeigneten Stellen des Prozesses – eine Flexibilität, mit der man sich im akademischen Bereich eher schwer tut. Vereinzelt bricht man zwar in Bildungsinstitutionen z. B. über Projektarbeit aus dem „belief mode“ aus und zeigt Ansätze gestaltungsorientierter Aktivitäten, die letztendlich aber immer auf Bewertung und Einordnung in Wissensbestände und damit auf den „belief mode“ hinauslaufen: Ideen werden dabei nicht als Potentiale, als verbesserungsfähige Möglichkeiten erkannt, sondern als starre Entitäten entweder akzeptiert oder verworfen.

Reinmann, G. (2005). Innovation ohne Forschung? Ein Plädoyer für den Design-Based ResearchAnsatz in der Lehr-Lernforschung. Unterrichtswissenschaft, 1, 52-69.

Ich möchte nicht das Buzzword Agilität benutzen – deutsche Hochschulen sowie Förderstrukturen sind meiner Meinung nach meilenweit davon entfernt, Mitarbeiter*innen eine agile Projektarbeit zu ermöglichen – aber im Projekt ist der vorläufige Konsens, dass wir mit Wasserfall-Projektmanagement-Logiken einen Kulturwandel wohl eher nicht fördern können in NRW 😉

Immer wieder ploppt bei uns auch die Frage auf, wie wir auch Lehrende (und mit Lehre beschäftigte Personen) mit einbeziehen können, ohne dass sie direkt Dateien bzw. Inhalte veröffentlichen müssen (Stichwort: Lehrende vernetzen, vertrauensvoller Austausch). Daher habe ich für das Team intern mal kurz das hfdcert vorgestellt, was aus meiner Sicht definitiv ein Good-Practise-Beispiel sein könnte wenn es um den „Austausch ohne Dateien“ geht:

Weitere Infos zur Entstehung des hfdcert: https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/news/pdt006-das-hfdcert-ist-online-mit-dr-habil-malte-persike

So oft ich es schaffe, verfolge ich derzeit auch das Projekt MoodleNet, welches Moodle-Instanzen (LMS) vernetzen soll sowie Content-Kuration im Stile eines Social Networks ermöglichen soll. Moodlenet ist wiederum ein Good-Practise-Beispiel dafür, wie man den Projektverlauf transparent öffnen kann während der Konzeption (finanziell dürften hinter dem Projekt deutlich mehr Ressourcen stecken) und für den Design-Aspekt solcher Bildungsvernetzungsprojekte: https://blog.moodle.net/


Disclaimer: Alle geäußerten Aspekte sind persönlicher Natur sowie vorläufige Äußerungen, die nicht als Projektergebnis zitierbar sind.

OER World Map

Hauptsächlich habe ich mich in das Projekt versucht reinzufuchsen und reinzufühlen, bisherige Strategien zu verstehen & die Usability und das User-Interface deutlich zu optimieren, also Vorschläge zu machen, u.a. durch interne Diskussionspapiere und Screencasts. Mehr dazu in den nächsten Monatsnotizen. Die World Map: https://oerworldmap.org/

Freiberuflich & Freizeit: OER, OERhörnchen & Co

Freiberuflich habe ich ganz kurz Coding for Tomorrow (Vodafone Stiftung) beraten und dabei auch einen kleinen Einblick in die Arbeit der Jungen Tüftler erhalten. Auf den ersten Blick alles sehr spannend, ich hoffe ich schaffe mal den Besuch im Coding Hub Düsseldorf.

Meine ganz persönliche Mission fernab den beruflichen Zielen ist es weiterhin, OER im Open Web voranzubringen (u.a. mit Hilfe von maschinenlesbaren Lizenzen). Damit verknüpft ist für mich die Frage, warum wir in DE weiterhin so wenig Uploadmöglichkeiten haben für OER (Nele organisiert das gerade als Einzelperson – https://bildungsmaterialspende.de/) und warum ich mit dem OERhörnchen gerade immer noch der Lückenfüller/Platzhalter für gute OER-Suchmaschinen bin.

Meine aktuellen Beiträge zum großen Puzzle „OER, Open Web & gOERmany“:

  • OERhörnchen – neue Features (quick & dirty)
  • Feedbackgespräch mit edutags geführt (hier ist wieder eine Stelle besetzt, vielleicht wird jetzt das Redesign geschafft, was edutags zum wichtigen Knotenpunkt in der OER-Infrastruktur im Web machen könnte) – siehe mein Tweet
  • 2DO: Einlesen zu Metadaten im Web/LRMI (z.B. bei HOOU und ZOERR bereits implementiert)

Persönlich habe ich mir jetzt bis zum Job-Ende im November 2019 Zeit gegeben, OER im Open Web, das Recht auf Remix/Fair-Use sowie die offene Kooperation in der Bildung in Beruf und Freizeit voranzutreiben (im Job natürlich in einem deutlich anderen Modus als in den Freizeitprojekten). Grundsätzlich zeigen sich nach den letzten intensiven Jahren des Denkens über OER und dem Arbeiten im OER-Kontext inzwischen deutliche Ermüdungserscheinungen bei mir, auch weil viel diskutiert und weiterhin wenig nutzerorientiert(!) umgesetzt wird – passend hierzu Wolf Lotter in der brandeins:

„Die meisten Regelbrecher achten nicht auf ihre Ressourcen“, sagt Dueck, „sie verausgaben sich. Aber man braucht Reserven, wenn man etwas verändern will. Sonst geht einem schlicht die Luft aus, und dann tut sich erst mal gar nichts.“

Wolf Lotter – Widerstandsbewegung

Motivation gibt jedoch die Uploadfilter-Debatte, die die Jugend potenziell sensibilisiert hat. Das Spannungsfeld Urheberrecht bleibt wohl auf die nächsten Jahre bestehen, wird immer schwerer nachvollziehbar und noch unzeitgemäßer. OER kann hier einen echten Mehrwert leisten, in dem es Praktiken im Web legalisiert. Und dies sogar global, nicht nur auf nationaler Ebene. Die beste Argumentationslinie hierzu gab es übrigens in der FAZ von Anna K. Bernzen:

„Neulich leitete ich einen Rechts-Workshop für Schüler. Sie lernten darin, was sie beachten müssen, wenn sie in den sozialen Medien unterwegs sind. Der Titel des Workshops: „Legal, illegal, total egal? Gesetze und Regeln im Netz“. Am Ende der gemeinsamen Stunde hatte ich den Eindruck gewonnen, dass die meisten der Schüler zu Variante drei tendierten – „total egal“. Die Gesetze und Regeln, die ich ihnen vorstellte, riefen vor allem eines hervor: Unverständnis. „Daran hält sich doch eh niemand“ war mehr als einmal die gleichgültige Reaktion. […]

Allerdings: Selbst wenn die Filter so programmiert würden, dass sie nur verbotene Posts blockierten, blieben die Memes bedroht. Ihre Schöpfer können sich schließlich schon heute oft nicht auf gesetzliche Ausnahmen berufen. Viele der beliebten Bilder sind daher schon längst verboten – ihre Urheber schreiten nur bislang nicht gegen ihre Verbreitung ein.

Der EU-Gesetzgeber zog daraus nun die Konsequenz, die bestehenden Verbote strenger durchsetzen zu wollen. Das kann nicht funktionieren. Was ich im Workshop im Kleinen erfahren durfte, zeigt sich im Großen aktuell schließlich in den wütenden Protesten, online und offline: Es mangelt auf breiter Front an Akzeptanz für das geltende Urheberrecht. Der Auslöser für die Demonstrationen mögen die drohenden Uploadfilter sein. In der Sache richtet sich die Kritik aber gegen das unzeitgemäße Urheberrecht, das damit durchgesetzt werden soll. Ein Recht, das großen Teilen der Bevölkerung „total egal“ ist, ja: so großen Widerstand hervorruft, kann auf lange Sicht keinen Bestand haben – auch und gerade, wenn der Gesetzgeber es mit immer rigideren technischen Mitteln durchzusetzen versucht.“

CC-Lizenzen können hier Wege aufzeigen und Praktiken ermöglichen, die nicht einer Gesetzesreform bedürfen. Unbedingte Lese-Empfehlung: https://irights.info/artikel/nach-der-reform-der-urheberrechts-fuer-bildung-und-wissenschaft-oer-bleiben-notwendig/29223

Für mich steht allerdings weiterhin fest in Bezug auf Lizenzdiskussionen: Zukünftig wird der größte kreative Freiraum über CC0 möglich sein, weil hier Anwälte und Gerichte in den allermeisten Fällen eben bei der Nachnutzung außen vor bleiben (Für die Erstellung von CC0-Material brauchen wir weiterhin viel Rechtsexpertise, da gibt es tausend Fragen!).

Ohne Bildungsmaterial abwerten zu wollen, für mich ist das zentrale Argument folgendes: Für Arbeitsblätter oder Erklärvideos, die möglichst breit nachgenutzt werden sollen, brauchen wir keine rigiden Copyright-Diskussionen, Abmahngefahren oder Gerichtsurteile, um zu klären ob jemand eine Veränderung bei der Nachnutzung korrekt gekennzeichnet hat. Es ist letztendlich „nur“ Lehrmaterial, kein Hollywoodfilm. Und jede Wissenschaftlerin, jeder Lehrer und auch jeder Studierende und jede Schülerin weiß, dass die Quellennennung zum guten Ton gehört, Zitieren ist sogar wissenschaftlich verbindlich – das muss man nicht in rechtlich-verbindlichen Nutzungsverträgen wie dem CC-BY-Lizenzvertrag festzementieren, dass lässt sich auch offener regeln mit CC0 und Gemeinfreiheit.

Ja klar, dann können auch große böse Konzerne das Material nutzen. Benedikt Geyer hat mit Amazon und CC0 eine tolle Erfahrung gemacht: Amazon verwurstet seine CC0-Pixabay-Grafik „Happy new year“ als Shirt und verkauft es. Rechtlich gesehen total in Ordnung – aber wird sich das auf Dauer durchsetzen? Finden wir das als Gesellschaft cool? Würden wir T-Shirts von Amazon kaufen, wenn das Unternehmen nichts für die Grafiker*innen spendet oder zumindest den Namen nennt? Finden wir es wirklich cool, wenn Amazon als vermeintlicher Marktplatz-Betreiber die beliebtesten Produkte einfach unter Eigenmarke nachbaut? Ne, eben – nicht cool. Aber wollen wir mit Anwälten gegen Amazon kämpfen und unsere OER-Grafiken dann doch nicht offener freigeben, sondern als CC-BY-NC-SA-ND, weil ein Unternehmen unmoralisch handelt? Oder könnten wir offener damit umgehen, den Mist einfach nicht kaufen und trotzdem eine gute Zeit haben?

Was wir für die „CC0-Mini-Revolution“ brauchen: Neue Haltungen und Mindsets, für mich z.B. denkbar: Das CC0-Freigeben als (selbstloses) Geschenk oder Spende an die Bildungswelt begreifen, sodass alle Bildungsbereiche profitieren können (und manchmal auch eben Amazon was verwurstet und dann bitte auf den Deckel bekommt von der öffentlichen Meinung). Was weiterhin nötig wäre: Vor allem viele großartige CC0-Grafikvorlagen, Icons, gute Hintegrundsongs, die nicht wie Fahrstuhlmusik klingen und vieles mehr – auch das kann man fördern.

Ein OER-Video der RWTH-Aachen – braucht es hierfür rechtsverbindliche Freigabeverträge oder könnte man das nicht einfach als CC0 in die Welt entlassen?

Da war noch was: Die Sache mit der Nachhaltigkeit

Antrieb gegeben hat mir in den letzten Monaten das Thema Nachhaltigkeit. Respekt an alle Schüler*innen, die den Finger mit #fridaysforfuture endlich tief, sehr tief, in die Wunde drücken, dass wir uns als Gesamtgesellschaft einfach nicht an vereinbarten Klimaziele halten (während Schüler*innen sich aber bitte an die Schulpflichtziele halten sollen: ;-)).

Bei der GMK Landesgruppe NRW sollte ich eigentlich einen Vortrag zur Forschung zum Think Big Förderprogramm halten, den ich dann allerdings ein bisschen für das Thema „Nachhaltigkeit auf Instagram“ gehijacked habe:

Was ich in der Auseinandersetzung mit dem Thema bisher gelernt habe: Der pädagogische Reflex, dass wir nur mehr Wissen über Nachhaltigkeit und die Klimakrise brauchen, ist bekloppt. Vielen Pädagog*innen mag das klar sein, ich hab bei mir diesen naiven Reflex aber öfter beobachtet in der Vergangenheit.

Harald Welzer spricht hier von einer Wissensgesellschaft, die aber wider besseren Wissens handelt:


Umstritten ist auch die Frage, ob wir wirklich weitergekommen sind gesellschaftlich:

Eine Perle dieser Auseinandersetzung um den Fortschritt, die ich erst jetzt gesehen habe: Harald Welzer und Niko Paech merken im Lauf einer Stunde – vollkommen entgegen ihrer Erwartung an das Gespräch -, dass sie komplett gegenteilige Auffassungen von der Geschichte der Welt und dem gesellschaftlichen Fortschritt haben (1:11:00):

Welzer macht in seinem neuen Buch viele Vorschläge, wie kleine Experimente zu Veränderungen führen können. Welzer poltert in seinem Buch auch gerne über einige Themen drüber, was ich weniger sympathisch finde, aber er trifft im Buch doch erstaunlich viele wunde Punkte, die auch mein Denken und Handeln betreffen.

Nun ist es medienpädagogisch eigentlich klar, dass Handlungsorientierung eine große Rolle spielt – wie das für Nachhaltigkeitsthemen und die Klimakrise aber funktioniert, hat Kersten Reich für mich (endlich) mal erhellend konkretisiert (Didaktik ist nicht so mein Gebiet) – unbedingte Anschauempfehlung und bitte viel, viel mehr davon:

Verbindet man diesen Vortrag mit Welzers Vorschlag, das wir Errungenschaften wie freiheitlich-demokratische Prozesse, Gesundheitsversorgung, Zugang zu Bildung, Arbeitnehmer*innen-Rechte und (die oft übersehenen) öffentlichen Institutionen bewahren müssen, ergibt sich für mich ein gutes Wertefundament für die Zukunft und für #zeitgemäßeBildung:

„[…] eine Art minimalistischer kategorischer Imperativ:

Du musst helfen, diesen zivilisatorischen Standard zu bewahren“

Auszug aus: Harald Welzer. „Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen.“

Was bedeutet das für mich? Es gibt durchaus die Chance, dass OER als Ermöglichungswerkzeug (welches den ganzen Copyright-Kram möglichst stressfrei aus dem Weg schafft für Lehrende und Lernende und Kapazitäten für wichtige Fragen freimacht), eine wichtiges Puzzleteil für die derzeitigen Herausforderungen sein kann. Die bloße Bereitstellung von Material wird hier aber nicht reichen, OER muss hier weitergedacht werden bzw. konkret eingebettet/angedockt werden. Der Vorteil: Durch die OER-Förderlinie (#DankeBMBF) liegen Erfahrungen vor, die genutzt werden können für dieses Weiterdenken.

Welzer, und das war für mich sehr interessant, weist noch mal deutlich auf Hierachien hin, die „wir“ im OER-Kontext bspw. mit dem Format Barcamp versuchen abzupuffern – auch hier haben die OER-Communities also Erfahrungen, die sie beitragen können, um Veränderungsprozesse nicht direkt von der deutschen Hierachieverliebtheit torpedieren zu lassen:

„Wenn ich in der Schweiz bin, erstaunt es mich immer wieder, dass der öffentliche Raum im Vergleich zu Deutschland hierarchiefrei anmutet: Man spürt im alltäglichen Umgang keine Unterschiede zwischen der Supermarktkassiererin und dem Manager, nicht zwischen der Professorin und dem Hausmeister der Universität. Die sozialen Beziehungen haben eine ganz erstaunliche Zivilisiertheit; mir ist es schon oft passiert, dass sich auf Konferenzen Leute vom Servicepersonal meinen Vortrag anhörten und mich hinterher darauf ansprachen, kollegial. In der Verwaltung der Uni, an der ich in der Schweiz lehre, kennen Leute aus der Verwaltung Bücher von mir, und umgekehrt kann man sich etwa über Strukturprobleme in der Organisation unterhalten. Man geht auch gemeinsam essen; alles das ist in Deutschland absolut undenkbar, und ich bemerke gerade im Kontrast, wie extrem hierarchisch sich die Menschen in Deutschland im alltäglichen Umgang verhalten. Das markiert einen Unterschied im Grad der Zivilisierung; man findet ihn in unterschiedlicher Ausprägung übrigens auch in den Niederlanden und in den skandinavischen Ländern.“

Auszug aus: Harald Welzer. „Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen.“

Insofern: Wo anfangen?

PS: Selbstkritisch sei an dieser Stelle bemerkt, dass nachhaltiges Handeln im öffentlichen Dienst auch wieder ein Abweichen von der Regel ist, was letztendlichen persönlichen Stress und Unsicherheit verursacht. So stellte sich mir persönlich die Frage, wie ich denn halbwegs nachhaltig zu einer Konferenz nach Irland komme und ob mir die Kosten und Arbeitszeit für eine Reise via Zug/Fähre (dauert deutlich länger) statt Flugzeug gewährt werden können. Auch hier ist der erste Reflex leider – zumindest bei mir – den üblichen Verwaltungswegen (Flugzeug) zu folgen, um möglichst wenig Zeit mit dem dadurch entstehenden bürokratischen Stress zu haben (= Mehraufwand). Zumindest eine CO2-Kompensierung via Atmosfair sollte ja eigentlich drin sein und nicht privat getragen werden müssen – wer hierzu Erfahrungen hat, sehr sehr gerne bei mir melden!

PPS: Warum auch die Deutsche Bahn gerade eher Teil des Problems als Teil der Lösung ist, hat die Anstalt im Januar aufgearbeitet:

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