#ÖGÖG – Öffentliches Geld, öffentliches Gut?

(Aussprache: Ög Ög) Es geht ums Prinzip und für mich persönlich geht es auch um Redlichkeit: Was von der Gemeinschaft aller Bürger*innen (mit Steuergeld) finanziert wurde, sollte ihnen im Normalfall auch anschließend nachhaltig zur Verfügung stehen. Im öffentlichen Raum kennt man dies von Spielplätzen, Bildungseinrichtungen, Bibliotheken, Schwimmbädern oder eben auch Gewerbegebieten und Wirtschaftsförderungen.

Glücklicherweise hält dieser (eigentlich selbstverständliche) Anspruch auch immer mehr Einzug in den digitalen Raum. Seit diesem Internetz ist es ja keine Frage der Druckkosten mehr, um steuergeldfinanzierte Forschungsergebnisse, Softwareentwicklungs-Quelltexte, statistische Datenerhebungen als auch erstelltes Lehrmaterial den Bürger*innen offen zur Verfügung zu stellen. Und doch, es gibt noch viele Baustellen:

„Als anschauliches Beispiel zieht [Leonhard Dobusch] Lehrerinnen und Lehrer heran, die zwar mit öffentlichen Geldern bezahlt werden, wenn sie Lehrbücher schreiben, diese aber nicht automatisch frei lizenziert seien. Daraus entstünden negative Konsequenzen für die Bildungsfreiheit. Gut aufbereitetes, lobby-gesteuertes Gratismaterial sei im Netz schnell zu finden, während mit pädagogischen Standards gestaltetes Material schwer zu finden und meist nicht nachnutzbar sei“

Öffentliches Geld? Öffentliches Gut! – Warum steuerfinanzierte Werke grundsätzlich allen frei zur Verfügung stehen sollten (Wikimedia-Blog)

Ja, aber wie soll man das machen? Ist das nicht schrecklich kompliziert? Für all die obigen Beispiele gibt es entsprechende #Open-Methodiken, um die offene Nachnutzung vergleichsweise simpel zu ermöglichen: Für Forschungsergebnisse existiert Open Access, neuerdings auch Open Science; Softwareentwicklungs-Quelltexte können als Open Source bereitgestellt werden, statistische Datenerhebungen als Open Data sowie erstelltes Lehrmaterial als Open Educational Resources. Der Hebel sind hierbei sogenannte freie Lizenzen. Diese sind eine Art digitaler Nutzungsvertrag. Sobald jemand diesen Vertrag unter seinem Werk verlinkt mit der entsprechenden URL (z.B. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de), können andere das Werk unter diesen Vertragsbedingungen nachnutzen. Statt Unterschriften und persönlichen Verhandlungen werden also Verlinkungen und Lizenzinformationen genutzt. Anwendung findet dies auch im Kulturbereich, z.B. dem MET Museum.

Darf frei im Kunstunterricht genutzt werden und(!) auch von Schüler*innen wieder auf Social Media, YouTube, im Kunstblog frei veröffentlicht werden – Bearded Man Looking Down to the Left,ca. 1760 Giovanni Battista Tiepolo Italian (CC0/MET)

Ja, super – warum machen wir das jetzt nicht einfach für alle steuerfinanzierten Projekte? Die schlechte Nachricht: Diese Veränderungen dauern, da sie oft mit einem so called Kulturwandel einhergehen und potenzieren sich gefühlt, wenn Organisationen sowieso schon eher so Very-Late-Adopter sind.;-)
Umso erfreulicher ist es für mich, immer wieder von positiven Nachrichten wie „EU-Kommission stellt ihre Publikationen unter offene Lizenzen“ (CC0, CCBY) zu hören. Insbesondere, dass das Bundesland NRW die Erstellung von Hochschul-Lehrmaterial mit fünf Millionen Euro fördert. Das erstellte Material kann nach Projektabschluss jede Hochschule, jede Schule als auch jede/r Bürger*in nutzen, sogar grenzüberschreitend und weltweit (Förderlinie OERcontentNRW, CC0/BY/ShareAlike). Im Gegensatz dazu ist der Normalfall leider allzuoft, dass Inhalte nach Projektabschluss zwar noch eine Weile im Netz sind, aber rechtlich gesehen nicht nachgenutzt oder gar aktualisiert wiederveröffentlicht werden dürfen. Kann man schon so machen, aber ist dann halt… Insofern: Es gibt viele Gründe zum Feiern, aber auch viel zu tun. Insbesondere Einzelpersonen opfern immer wieder viel Lebenszeit und Energie, um vorbildhaft den Normalfall zu etablieren:

IWMM [Meta] – Matt DeCarlo Ph.D. – #OER in Social Work

Das bedeutet auch oft: Gegen enorme Widerstände kämpfen. Beim Reizthema des öffentlich-rechtlichen Rundfunks scheint die Situation verfahren zu sein. Gerade die engagierten Menschen in den öffentlichen Sendern produzieren tagtäglich Inhalte, die wir alle mit einem monatlichen Beitrag finanzieren. Da wäre ja durchaus die Frage angebracht, warum produzierte (Non-Entertaiment-)Inhalte nicht frei ins Netz entlassen werden können, bspw. wissenschaftsbezogene Erklärvideos. Persönlich gehe ich davon aus, dass viele Mitarbeiter*innen nichts dagegen hätten und dies sogar begrüßen würden. Und doch muss Leonhard Dobusch im ZDF Fernsehrat mit all seinem juristischen Know-How fast schon Don-Quijote-artig für dieses Thema kämpfen:

Abschließend ist natürlich die Frage erlaubt, ob wir derzeit nicht wichtigere Probleme haben? Für den Bildungsbereich als auch für die Forschung würde ich diese Frage wie folgt beantworten: Wenn wir als Gesellschaft endlich einfach aufhören, die offene Freigabe von steuerfinanzierten Ergebnissen mit Phantomproblemen zu verlangsamen, hätten alle Beteiligten deutlich mehr Lebenszeit für ihre Hauptaufgaben zur Verfügung: Gute Forschungsergebnisse produzieren und Schüler*innen und Studierende auf ihrem Bildungsweg begleiten. Und vielleicht bleibt sogar Zeit, um dieses klitzekleine Problem Klimakrise dann noch zu bearbeiten, Stichwort „wichtigere Dinge“ 😉 In dem Sinne: Öffentliches Geld? Öffentliches Gut! Oder einfach: #ÖGÖG (Aussprache: ög ög).

Bonuscontent:

„IWMM [Meta] – Podcast 022 – Öffentliches Geld, Öffentlicher Code – Im Gespräch mit Thomas Mack“ – https://irgendwas-mit-menschen.com/iwmm-meta-podcast-022-oeffentliches-geld-oeffentlicher-code/

„IWMM – Podcast 003 – Offene Doktorarbeit
Im Gespräch mit Christian Heise“ – https://irgendwas-mit-menschen.com/iwmm-podcast-003-offene-doktorarbeit/

Aktions-Initiative im Bildungsbereich: https://buendnis-freie-bildung.de/ und Arbeitsgruppen zu Open Education https://buendnis-freie-bildung.de/2019/03/28/arbeitsgruppen-zu-open-education/

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