„proactive vs. reactive“ – Warum ist die Suche nach OER so kompliziert?

„Sie haben mich überzeugt, Herr Andrasch! Die Idee der Open Educational Resources als öffentliches und nachhaltiges Bildungsgut ist super, Re-Use macht Sinn! Aber wo finde ich denn jetzt diese OERs, wenn ich meine Lehrveranstaltung zum Thema Hydraulik vorbereite?“

„Ja, ähhh… “

Disclaimer: Im folgenden Beitrag geht es ausschließlich um den öffentlichen und kostenfreien Zugriff auf Lehr- und Lern-Material, z.B. Video-Dateien oder Präsentationsfolien. Es geht nicht um die pädagogische Durchführung von Unterricht, Lehre oder Online-Kursen. Hier sind weiterhin geschützte, nicht-öffentliche Räume für Lernende elementar. Wie immer gilt: Material ist für gute Bildungsmöglichkeiten nur ein erster Schritt, siehe „The content illusion – Ulf Daniel Ehlers“.

OER in der Hochschullehre

Der Baustein OER im deutschsprachigen Hochschulbereich hat für mich zwei grobe Mängel mit Blick auf die Infrastruktur:

  1. Es gibt in der Breite keine nichtkommerziellen OER-Veröffentlichungsmöglichkeiten für Lehrende, die von öffentlichen Institutionen oder Ministerien unterstützt oder betrieben werden. Ausnahmen bestätigen die Regel (open.rub, HOOU, ZOERR), ansonsten stellen kommerzielle Dienste wie Slideshare, YouTube & Co die Infrastruktur. Letztere sind natürlich wenig weiterentwickelbar bzw. beeinflussbar für spezifische Ziele in der Hochschullehre. Das Unternehmen YouTube wird wohl nicht das Kategoriesystem auf Fachbereiche der Hochschulbildung anpassen in Zukunft. (Im Schulbereich gibt es gemeinnützige Vereine wie ZUM oder Serlo, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten Infrastruktur bereit stellen und den Kopf für Haftungsfragen hinhalten)
  2. Es gibt keine guten und einfachen Suchmöglichkeiten, die auf die OER-Nutzergruppen zugeschnitten sind (OER-Einsteiger*innen, Suchende in bestimmten Fachgebiete, Bildungsbereichen, etc.)

Dieser Beitrag soll sich dem zweiten Aspekt der Suche widmen. Dass „wir“ im deutschsprachigen Raum auf die Eingangsfrage in all den Jahren keine vernünftige Antwort gefunden haben, wurmt mich jeden Tag mehr. Das liegt natürlich auch daran, dass ich nach meinem kurzen OER-Gastspiel an der Uni Köln (#OERlabs, finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung) nun in einem NRW-weiten Veränderungsprojekt mit OER-Fokus (Vorprojekt #ContentMarktplatzNRW, finanziert vom NRW-Ministerium) tätig bin. Insbesondere im Bildungsbereich Hochschule ist der Mangel an Suchmöglichkeiten extrem offensichtlich und in meinen Augen einer der Hauptgründe, warum OER keine weitere Verbreitung findet.

Denn – trotz aller humoristischen Stereotype (siehe unten) – gibt es inzwischen meiner Meinung nach mehr Lehrende und Teams an den Hochschulen, welche ihr Lehrmaterial als OER bereitstellen (wollen) und auch Material nachnutzen (würden).

Bild
Comic: Constructive Amusement, CC BY ND 4.0.

Dass die Nachnutzung von Bestehendem auch eine Umstellung ist, beschreibt David Lohner hier sehr pointiert:

Eins ist klar: Wenn etwas nachgenutzt werden soll, muss es vom Nachnutzenden irgendwie gefunden werden. OER praktisch zu denken heißt, den Blick auf potenzielle Nachnutzer*innen zu richten (Nachnutzer*innen-Orientierung).

Ich hoffe, dass wir als Team im Empfehlungspapier gute Vorschläge für Suchmöglichkeiten einbringen können, die schnell wirksam werden (Hinweise und konstruktive Vorschläge gerne an mich senden!). Ich weiß nicht, wie viel ich verraten darf, nur so viel: Im Hochschulbereich eröffnet sich aktuell die riesengroße Chance, dass Bundesländer-Initiativen zukünftig technisch mit Schnittstellen verknüpft werden könnten, man sich auf minimale Metadaten einigt und im Endeffekt deutschlandweit Lehrende als auch jeder Bürger und jede Bürgerin freien Zugang im Web auf Materialien hat, die an öffentlichen Hochschulen (freiwillig) als OER veröffentlicht werden. Das wäre ein Erfolg, der im Bildungsbereich Schule nie erreicht wurde – hier erhält, zugespitzt gesagt, oft nur Zugriff aufs Material, wer Lehrer oder Lehrerin im jeweiligen Bundesland ist.

Gibt es denn gar keine öffentlich zugänglichen Suchmöglichkeiten bisher? Im Bereich Schule gibt es schon Suchmöglichkeiten, die aus meiner Sicht aber oft wenig auf die Zielgruppe „OER-Interessierte“ optimiert sind. Für mich wird dies immer daran ersichtlich, wenn man nur eine einzige Lizenz auswählen kann in den Suchfiltern, obwohl man bei OER eben an CC0 + CC-BY + CC-BY-ShareAlike interessiert ist. Meine Vorschläge für edutags als auch Elixier habe ich bereits kommuniziert, learnline habe ich entsprechend meinen Vorstellungen ge-edu-hacked. Jöran hat tollerweise aktuell appelliert, Maschinenlesbarkeit von Lizenzen nicht zu vergessen. Für die nOERds: LRMI/JSON+LD bietet hier wohl eine große Chance, aber selbst die HOOU kriegt das derzeit noch nicht ganz hin. Ihr merkt: Ich bin ungeduldig.

Im Vergleich zur offenen Infrastruktur für Lehrmaterial, die in den Niederlanden mit Wikiwijs, Wikiwijs Create (frei zugänglich, einfach Entree-Account anlegen) und Edurep Widget aufgebaut wurde, liegt das OER-Team Deutschland gerade übrigens 1:5 hinten – obwohl Team Oranje sich sogar die Mühe macht, seine Erfahrungen offen auf englisch zu kommunizieren: „Wikiwijs: An unexpected journey and the lessons learned towards OER“. Durch meinen Projektchef Jan Neumann bot sich kürzlich die Möglichkeit, das noch einmal face-2-face in Utrecht zu besprechen. Ich kann bestätigen: 5:1 für Holland. Mindestens.

Was tun? Aus persönlicher „Verzweifelung“ heraus habe ich Ende 2017 das Platzhalter-Projekt OERhörnchen eigeninitiativ neben meiner hauptberuflichen Arbeit an der Universität zu Köln gelaunched. Als Mensch mit Programmier-Background fällt es mir einfach unglaublich schwer, Probleme zu sehen, ohne selbst etwas praktisch zur Lösung beizutragen. Das OERhörnchen nutzt einen simplen Google-Trick und ist mehr Marketingprojekt als ernsthaft eine ausgefeilte Suchmöglichkeit, dahinter steht kein Index oder eine Datenbank. Profitiert habe ich von allen Eindrücken und Gesprächen, die ich in der OERlabs-Arbeit geführt habe. Was sich gezeigt hat: Die Lücke für eine Webseite mit eindeutigem Titel und Fokus, die man Einsteiger*innen in die OER-Suche empfehlen kann, existiert. Teilweise erhalte ich positives Feedback darauf, dass die OER-Projekte halt gut und übersichtlich dargestellt werden – für Einsteiger*innen ist also weniger die konkrete Suchfunktion relevant, als eine ansprechende, kurze Projektsammlung von aktiven Projekten. Und egal wie komisch „OERhörnchen“ klingt, es prägt sich halt vermutlich leicht ein.

Der Artikel auf OERInfo zu „OER finden in der Hochschullehre“ spricht hier ebenfalls Bände: „Es gibt keine zentrale Anlaufstelle“. Noch viel symptomatischer für meine Problemdiagnose ist übrigens das OERinfo-Auswahlfenster, bei welchem „Ich will veröffentlichen“ nicht existent ist:

OER veröffentlichen – Fehlanzeige?

Was tun? Eine OER-Suchmaschine a la Google?

Fehlt es also nur an einer guten Suchmaschine, wo OER-Einsteiger*innen ihre Suchbegriffe eingeben können? Was mir in den letzten Monaten noch mal klar geworden ist: Die explizite Suche nach einem Begriff ist nur ein Teil der Antwort auf die Frage, wie OER gefunden und nachgenutzt werden kann. Im Projekt MoodleNet wird aktuell folgende Einteilung verwendet:

Proactive vs. Reactive Search

Proactive/Reactive
Diagram by Bryan Mathers showing MoodleNet as both a place where educators can search for and discover educational resources“ (nicht unter freier Lizenz)

Manchmal sucht man nach expliziten Begriffen, manchmal stößt man aber auch auf relevante Inhalte, weil in einem Social Network bzw. PLN beispielsweise Kolleg*innen etwas teilen. Die Frage der Auffindbarkeit von OER sollte also nicht auf die technische Möglichkeit eingegrenzt werden, dass User Suchbegriffe eingeben. Durch die Konkurrenz zur Google Suchmaschine, die bereits mehr über den User weiß (Bildungsbereich Schule oder Hochschule), ist es zudem extrem schwierig, Nutzer*innen zufrieden zu stellen mit einer Proactive Search. Google ist die Messlatte.

Im Reactive-Bereich rücken somit Lösungen wie die OER World Map Userprofile, das hfdcert-Projekt mit Portfolios sowie personalisierte Newsfeeds und soziale Kommunikationskanäle in den Fokus. Facebook und Twitter nachbauen – ebenfalls schwierig, hier habe ich bislang nur erste Ideen.

Der Google-Crawling-Weg?

Ein anderer Aspekt, der mich bei Googles Suchmaschine immer wieder beschäftigt, ist folgender: Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin haben nicht alle Webseiten per Rundbrief eingeladen, sich bei Google einzutragen. Stattdessen starteten sie einen sogenannten Crawler, der einfach jeden Link automatisch weiterfolgte, der auf einer Webseite gefunden wurde:

In March 1996, Page pointed his crawler at just one page – his homepage at Stanford – and let it loose. The crawler worked outward from there.

https://www.wired.com/2005/08/battelle/
Erklärung eines Web-Crawlers

Kurzum: Die beiden haben nicht um Erlaubnis gebeten, sondern einfach technisch versucht, das gesamte (öffentlich einsehbare) Web zu erfassen. Das Tolle an OER: Da alle Inhalte unter freier Lizenz sind, darf man sie auch in einer Datenbank erfassen. Sie sollen ja explizit nachgenutzt werden – im Gegensatz zu der Frage, ob alle Webseitenbetreiber das Erfassen von Google gut fanden. Inzwischen kann man dieses Erfassen als Webbetreiber deaktivieren (robots.txt). Ähnliche Lösungen sind für einen OER-Crawler denkbar.

Einen ähnlichen Aha-Moment hatte ich beim Artikel „I Don’t Need No Stinking API: Web Scraping For Fun and Profit“. Schnittstellen, sogenannte APIs, werden für Kooperationszwecke oft glorifiziert, auch in der OER-Welt – die wirklich aktuellen Inhalte findet man aber stets auf der Webseite eines Projekts. Einfach aus dem Grund, weil eine unaktuelle oder fehlerhafte Webseite von Besucher*innen gemeldet wird und stets die höchste Priorität hat. Eine kaputte Schnittstelle, die nur ein Entwickler benutzt, ist dahingegen potenziell weniger wichtig. Projektförderer und Entscheider*innen schauen zudem primär – ja genau, auf die Webseite eines Projekts.

In dieser Hinsicht wäre für mich eine Kombination aus OER-Web-Crawler, JSON+LD/LRMI und Google-Search-Console-Klon denkbar, bei welchem Projekte schauen können, ob ihre OERs korrekt eingelesen werden bzw. dort ihre Webseiten einreichen können. Das Ganze Web nach OER zu durchsuchen ist dann doch etwas kostenintensiv. 😉 Ein erstes kleines Hilfstool für Projekte habe ich mit dem URL-Check veröffentlicht.

Eine weitere Erkenntnis aus dem MoodleNet-Projekt möchte ich hier noch teilen:

Sometimes the best solutions are the simplest ones, and the ones that people are used to using.

https://blog.moodle.net/2019/rating-systems/

Öffentlich finanzierte Bildungs-„Innovationen“?

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob all die aufgeworfenen Punkte als öffentlich finanziertes Bildungsprojekt umsetzbar sind. Was mir jetzt in zwei Bildungsinnovations-Projekten auffällt: Das grüne Licht von oben ist da (Politik), die Profs und „höheren“ Mitarbeiter*innen haben Bock, die Kompetenz ist vorhanden. ABER: Zeit ist eben knapp, Forschung, Lehre, Hochschulverwaltung und alltägliche Aufgaben binden Ressourcen. Das Ende vom Lied: Die „kleinen“ Mitarbeiter*innen kämpfen vornehmlich allein, an verschiedenen Standorten, in verschiedenen Arbeitspaketen und es gibt nur ganz bestimmte Zeitfenster und Nischen, die konkreten Ideen zu feedbacken oder sich Guidance von den höheren Ebenen bzw. den Erfahreneren abzuholen, ob die Richtung stimmt. Auf Twitter hatte ich das mal versucht wie folgt zu formulieren und schon diverse Antworten erhalten.

Des Weiteren ist es vielleicht auch meine eigene Naivität, dass ich offizielle und öffentlich finanzierte Lösungen erwarte für offensichtliche Probleme und Herausforderungen im Bildungsalltag? Spielen sich Veränderungen oft eigeninitiativ ab?

Muss ich mich als kleiner Mitarbeiter also eher irgendwo „einnisten“ für den Lebensunterhalt und in der Freizeit die nutzerorientierten Changeprojekte anschieben? Muss ich also eher die 50% Stelle antreten, um die anderen 50% was bewegen zu können? Vollzeit und abends am Computer hält mein Rücken nämlich nicht mehr aus, bin ja inzwischen auch 30.

Danke fürs Lesen und Mitdiskutieren, für Hinweise bin ich wie immer dankbar!

PS: Ebenfalls als Eigeninitiative entstanden ist übrigens wohl das Projekt Alvonauts in UK, was wohl auch eher so nebenbei entwickelt wurde.
PPS: Ich bin kein Experte im Bereich Metadaten, Suche, etc. und hatte gehofft, mir nicht darüber den Kopf zerbrechen zu müssen. Gebe das Thema gerne an kompetente Menschen ab! 😉
PPPS: Der Beitrag ist als konstruktives Weiterdenken und energischer Appell gedacht, nicht um einzelne Projekte und (wichtige) Aktivitäten zu diskreditieren.

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